Gruppe: Berührungen in Stille

Berührungen in Stille

Manches lässt sich allein nicht üben. Da zu sein zum Beispiel, ohne etwas zu machen. Dafür braucht es jemanden, der einem gegenübersitzt.

Diese Gruppe bietet uns Gelegenheit, genau das miteinander zu üben. Kein Kurs, in dem einer vorne steht und die anderen lernen. Eine Gruppe, in der wir abwechselnd geben und empfangen, und in der niemand mehr weiß als die anderen.

Der leere Stuhl

Der Anstoß für diese Form kommt von Mike Boxhall (1930–2019) und seinem Buch „Der leere Stuhl“.

Der Titel meint genau das: einen Stuhl, auf dem niemand sitzt. Boxhall hat vierzig Jahre lang unterrichtet und dabei festgestellt, dass es am besten geht, wenn er als Lehrer aus dem Weg ist. „Wenn von Zeit zu Zeit der Lehrer ganz präsent ist, hören wir alle die Lehre, nicht den Lehrer, und das symbolisieren wir durch den leeren Stuhl.“

Bei uns bleibt der Stuhl von Anfang an leer. Es setzt sich niemand hinein.

Der Untertitel lautet „Die Lehre – nicht der Lehrer“. Im Englischen steht dort „The Teaching not the T-Shirt“: die Lehre, nicht das T-Shirt. Es geht nicht um etwas, das man hinterher vorzeigen kann. Kein Zertifikat, keine Urkunde, keine Stufe, die man erreicht hat. Es gibt nichts zu erwerben.

Wie ein Tag abläuft

Boxhall beschreibt den Ablauf eines Tages in seinem Buch. Ungefähr so stelle ich ihn mir auch bei uns vor:

Still sitzen. Vielleicht eine halbe Stunde. Niemand leitet etwas an, es wird nicht gesprochen, es gibt nichts zu erreichen.

Sprechen. Danach ist Zeit für das, was gerade da ist: eine Frage, ein Gedanke, etwas aus dem eigenen Leben. Bei Boxhall sprach an dieser Stelle der Lehrer. Bei uns spricht, wer etwas mitgebracht hat.

Pause. Davon gibt es viele. Sie sind kein Beiwerk. Sie geben Raum, damit sich setzen kann, was aufgekommen ist – und Gelegenheit, Kuchen zu essen. Pausen sind auch der Ort, an dem ein Thema wechselt, wenn es das braucht.

Zu zweit, etwa eine Stunde. Einer liegt, der andere sitzt oder steht daneben und legt die Hände auf. Beide vollständig bekleidet. Die Berührung ist ganz leicht, der Kontakt so behutsam wie möglich. Manche mögen den Kopf, manche lieber die Füße, manche einfach eine Hand auf dem Brustkorb oder dem Rücken. Es spielt keine große Rolle: Eine Stelle zu berühren heißt, das Ganze zu berühren.

Nach etwa 30 Minuten wird gewechselt.

Mittag. Lange. Essen, spazieren, ausruhen.

Noch einmal still sitzen.

Noch einmal zu zweit. Mit dem selben Menschen, oder mit anderen.

Der Kreis. Zum Schluss erzählen wir uns, wie es war, aus beiden Rollen. Wenn wir etwas teilen möchten. Anfangs ist es schwer, dabei aufmerksam zu bleiben. Irgendwann kippt es: Man merkt, dass das, was man hört, nicht nur die Geschichte eines einzelnen Menschen ist, sondern auch die eigene.

Die Zeiten sind lockere Anhaltspunkte. Der Ablauf bleibt, die Längen verschieben sich dahin, wo sie gerade gebraucht werden.

Was dabei zu tun ist

Nichts. Das ist das Schwierige daran.

Boxhall gibt dafür einige Hinweise. Hier in meinen Worten:

  1. Hör Dir an, was Dein Gegenüber erzählt. Dann leg es beiseite.
  2. Sorg dafür, dass er oder sie bequem liegt.
  3. Setz Dich daneben.
  4. Nimm Dir Zeit, selbst anzukommen. Spürst Du den Stuhl, Deine Füße, Deine Hände?
  5. Erst dann die Berührung, dort, wo es für Euch beide stimmt. Wenn keine Berührung gewünscht ist, ist auch das ein Kontakt.
  6. Und dann: nichts. Nimm an, was kommt – ohne Kommentar, auch ohne den stillen im eigenen Kopf. Nicht bewerten. Nicht deuten. Nicht wissen wollen, was es bedeutet.
  7. Es tauchen Gedanken, Bilder und Erklärungen auf. Folgst Du ihnen, bleibst Du dort stehen.
  8. Bleibst Du offen, immer wieder zum einfachen Spüren des eigenen Körperinneren zurückkehrend, kommt irgendwann ein Punkt, an dem etwas zur Ruhe kommt. Dann ist die Arbeit getan – jedenfalls für heute.

Nicht: „Wie kann ich diesem Menschen helfen?“ Sondern: still werden und dann hingehen. Ganz ohne darüber hinaus gehende Intention.

Ratschläge helfen hier nicht. „Ratgeben, wie freundlich auch immer, wirkt entmächtigend“, schreibt Boxhall. Was verändert, seien die eigenen inneren Wege der Menschen, nicht der Hinweis, wie sie sein sollten.

Charles Ridley, der seit über vierzig Jahren so arbeitet und unterrichtet, setzt genau hier an. Er hält nichts davon, am anderen etwas festzustellen, um es dann in Ordnung zu bringen. Für ihn entscheidet nicht, was jemand mit den Händen tut, sondern in welchem Zustand er es tut. Es gibt nichts zu beurteilen und nichts anzuwenden.

Daher der achte Punkt oben. Immer wieder zurück zum eigenen Körperinneren – nicht, um beim Gegenüber etwas zu finden, sondern um selbst still genug zu werden, dass Platz entsteht. Ridleys Buch heißt „Präsent in der Stille“. Kürzer lässt sich die ganze Anweisung kaum sagen.

Für wen

Du brauchst keine Ausbildung, keine Vorkenntnisse und keinen beruflichen Bezug. Boxhall zählt auf, wer bei ihm gesessen hat: Bankangestellte, Psychologinnen, Lehrerinnen, Ärzte, Bäuerinnen, Studenten, Dichterinnen, Tänzerinnen, Priester, Schneider, Reiche und Arme. „Aber eben, wie Sie sehen, lehre ich ja keine Berufe. Ich gehe den Weg mit den Menschen gemeinsam, so gut ich kann.“

Was es braucht, ist die Bereitschaft, nichts zu wissen. Das ist mehr verlangt, als es klingt. „Alles Wissen ist eine Beschränkung“, schreibt Boxhall. „Das Nichtwissen bietet unendliche Möglichkeiten.“

Es hilft, wenn Du damit rechnest, dass wenig passiert. Von außen sieht diese Arbeit nach fast nichts aus. Wie ich dieselbe Haltung in Einzelsitzungen verstehe, steht auf der Seite Arbeitsweise.

Wie es losgeht

Wann wir uns treffen, wo, und in welchen Abständen, entscheiden wir als Gruppe gemeinsam. Die Gruppe trägt sich selbst; dann gehört ihr auch der Kalender.

Wenn Du dabei sein möchtest, melde Dich bei mir. Schreib gern dazu, was Dich herbringt.


»Die Blumen blühen. Die Blumen welken. Die Samen fallen. Das Ende ist der Anfang. Lasst uns das Heute begrüßen.« – Mike Boxhall

Mike Boxhall: Der leere Stuhl. Die Lehre – nicht der Lehrer

Charles Ridley: Präsent in der Stille